GOTT und POLITIK?

Meine Mission als Christ.

Als ägyptischer Christ bin ich wie die meisten Kopten in der Kirchengemeinde groß geworden. Die Relevanz und die Rolle des Glaubens in meinem persönlichen Leben lernte ich von klein auf kennen. Mein politisches Interesse wurde ebenfalls durch meinen Glauben ausgelöst, denn ich erlebe die politische und religiöse Verfolgung der Christen im arabischen Raum stets aus nächster Nähe.
Es ist nun kein Geheimnis, dass das Christentum in der westlichen Kultur nicht mehr wie vor 100 Jahren praktiziert wird. Diese Entwicklung gab mir persönlich zu denken, denn ich bin der Meinung, dass der Mensch, sei es ihm bewusst oder nicht, sein Leben lang nach seinem Schöpfer sucht. Diese Sehnsucht versucht man auf die verschiedensten Weisen zu stillen: bedeutungslose Liebschaften, Konsumgier bis hin zu den verschiedensten Formen der Esoterik. Die biblisch als irdisch bezeichneten Freuden vergehen wieder ganz schnell und die Sehnsucht nach dem inneren Frieden bleibt. Man könnte jetzt sagen, dass Religion schön und gut, aber noch immer Privatsache sei und mit der Politik nichts zu tun hätte. Nun, ich stelle mir auch keinen christlichen Gottesstaat mit dem Evangelium als Verfassung als Ideal vor, aber ich bin der Überzeugung, dass wenn Politiker verstärkt die biblischen Werte und Prinzipien beachten würden, wir dem Weltfrieden einen riesengroßen Schritt näher wären! Dem Neuen Testament kann man so einiges an Lehren entnehmen, die sich nicht nur für den Gläubigen als sinnvoll erachten, sondern Harmonie in einer Gesellschaft schaffen und fördern. Anhand relevanter Bibelverse aus dem Neuen Testament werde ich einige Leitlinien christlicher Politiker aufzeigen.

Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. (Matthäus 20:26-27)

Beginnen würde ich gerne mit dem Verständnis des christlichen Politikers für seine Mission, welches sich in der oben zitierten Aussage Jesu sehr gut zusammenfassen lässt. Jesus lehrt hier seinen Jüngern, sie müssten erst Sklaven und Diener ihrer Mitmenschen werden, um wahre Anerkennung zu erlangen. Nur durch ihren unermüdlichen Dienst (und nicht wegen ihres Amtes wegen) haben die Apostel Christi hohes Ansehen bei den Völkern und in der Gemeinde genossen. Sogar Jesus selbst sagt im darauffolgenden Vers er sei nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um selbst zu dienen. Was wir daraus mitnehmen können ist, dass das eigene Ego keine Rolle spielt, sobald man für das Wohl und die Interessen anderer verantwortlich ist. Dies ist das Selbstverständnis des christlichen Politikers: ein Diener seiner Mitmenschen, der es nicht scheut sich für die anderen auch „aufzuopfern“.

Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! (Matthäus 7:12)

Die sogenannte Goldene Regel ist das Herzstück der christlichen Nächstenliebe. Die spirituelle Bedeutung dieses Gebotes liegt auf der Hand, aber auch in der Politik würden viele Entscheidungen bestimmt anders ausfallen, wenn man die Rollen gedanklich vertauscht und sich überlegt, wie die eigene Reaktion auf die eigene Handlung wäre. Es kann zum Beispiel mit Sicherheit keinem Regierungsmitglied schaden, sich mal ernsthaft mit dem Standpunkt der Opposition auseinanderzusetzen, sowie es einer Opposition manchmal gut tun kann ihre Argumente nicht als in Stein gemeißelt zu beatrachten. Wieviel an dirty campaigning, sturen Vertagungen von sinnvollen Anträgen, respektlosen Diskussionen etc. würden wir uns wohl dadurch ersparen?

Was uns auch oft in der Politik fehlt ist eine sinnvolle Fehlerkultur, die es uns ermöglicht aus der Vergangenheit zu lernen und zu versuchen die Zukunft bedachter und verantwortungsbewusster zu gestalten. Stattdessen steinigen wir den Beschuldigten medial und erfreuen uns an den etlichen Debatten rund um den „Skandal des Jahres“. Als man eines Tages Jesus eine Ehebrecherin vorführte, um ihn zu testen, ob er das Gesetz Mose (in diesem Fall die Steinigung) vollziehen würde, sagte er: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie! (Johannes 8:7). Der christliche Politiker denkt stets an seinen eigenen Verfehlungen und strebt jeden Tag danach ein besserer Mensch zu sein. Vielleicht wären unsere politischen Diskussionen sachlicher, wenn wir die persönlichen Verfehlungen unseres Gegenübers ausblenden würden.

Um den Umfang des Beitrages nicht zu sprengen belasse ich es bei den oben zitierten Versen und Überlegungen. Zu meiner ursprünglichen Frage, ob Gott mit der Politik tatsächlich vereinbar ist kann ich sagen, dass genau wegen der Existenz eines Gottes, dem ich meinem Glauben nach für meine Taten Rechenschaft schulde, und den Prinzipien des Evangeliums, ein Christ Politik mit einem gewissen moralischen Schwerpunkt ganz besonders mitgestalten kann. Natürlich erfüllen auch viele nicht-christliche Politiker diesen moralischen Anspruch, denn diese Leitlinien befolgen nicht nur Christen, dennoch hat der Christ das Evangelium stets vor Augen und es ist für ihn die Quelle seines persönlichen Handelns.

Abschließend möchte ich festhalten, dass kein Mensch vollkommen ist und wir nicht von heute auf morgen allen moralischen Ansprüchen entsprechen können. Was wir aber machen können, ist eine persönliche Entscheidung zu treffen, einen bestimmten Weg zu gehen und sich vor dem eigenen Gewissen zu verpflichten jeden Tag auf das eigene Handeln zu achten, damit nicht nur die Politik, sondern unsere Welt friedlicher wird.